• nadinetaeger

"Fremd"betreuung - Vom Eingewöhnen und Loslassen


Vor gar nicht allzu langer Zeit war auf bekannten Blogs und unter Autoren – Öko-Hippie-Rabenmütter, Keins bestellt, 2 bekommen oder bei Nora Imlau z.B. um nur drei zu nennen, die ich persönlich sehr gern verfolge – viel über das Thema Eingewöhnung und die damit oft einhergehenden Komplikationen oder auch Erfolge zu lesen.



~Worum geht’s?~


Das Thema ist nicht neu – ist es doch für die meisten, die sich mit diesem Schritt konfrontiert sehen, eine überaus sensible Zeit des Loslassens für alle Beteiligten. Sowohl für das Kind, als auch die Bindungspersonen, die ihren wertvollsten Lebensinhalt an bislang fremde Personen abgeben werden. Bislang, da für mich das Ziel einer gelingenden Eingewöhnung die Erweiterung des ursprünglichen Bindungskreises sein sollte und das Kind somit einen neuen „sicheren Hafen“ erfährt, an dem es sich angenommen und geborgen fühlt und aus dem die Eltern sorglos schöpfen können. Aus diesem Grund lehne ich den Begriff „Fremdbetreuung“, zumindest für mein Verständnis von einer Begleitung von Kindern in Betreuungsformen, kategorisch ab. Ebenso wie die generelle Ablehnung von Betreuungsformen. Denn, so vielfältig die Familien sind, so vielfältig sind auch die Gründe, weshalb Familien entscheiden, ihr Kind zeitweise extern begleiten zu lassen – wirtschaftliche Gegebenheiten oder das fehlende familiäre, unterstützende Netzwerk können zum Beispiel solche Gründe darstellen und zu der Entscheidung führen, das Kind wohl behütet in einer Kita oder Tagespflege unterzubringen.


~Aber wie sieht sie aus, die richtige Unterbringung?~


Im Dschungel der Betreuungsmöglichkeiten mit den unterschiedlichsten pädagogischen Konzepten und Schwerpunkten, gerade in Großstädten, fällt es vielen Eltern sichtlich schwer, noch den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Deshalb empfiehlt es sich, vorab Überlegungen zu treffen, was der Familie selbst unabdingbar wichtig ist – Öffnungszeiten, pädagogische Schwerpunkte, Ausstattung oder ähnliches – und weniger auf externe Empfehlungen, sondern mehr auf die eigenen Ansprüche, Wünsche und Bedürfnisse Acht zu nehmen. Besichtigungen von verschiedenen Betreuungseinrichtungen, erste Gespräche und ggf. Hospitationen in der Gruppe können einen besseren Eindruck vermitteln.


~Die Betreuungseinrichtung ist gefunden – und dann? Wie sieht nun die perfekte Eingewöhnung aus?~


Zunächst sollte festgehalten werden, dass es DIE perfekte Eingewöhnung oder DAS perfekte Eingewöhnungsmodell nicht gibt. Eine Eingewöhnung sollte vor allem eines sein: individuell (!) auf das Kind und seine Bedürfnisse und Befindlichkeiten situativ angepasst UND individuell auf die begleitende Bezugsperson und ihre Bedürfnisse und Befindllichkeiten situativ angepasst. Es ist nicht nur ein sensibler Prozess für das Kind, sondern für die gesamte Familie. Bekannte Eingewöhnungsmodelle – wie z.B. das Berliner Modell oder Münchener Modell – sind gutgemeinte Anhaltspunkte, aber niemals starr oder ideell zu betrachten. Eine Einrichtung, die an Tag 3 oder 4 der Eingewöhnung eine erste Trennung fordert, ohne zu be(tr)achten, ob Kind oder Begleitperson sich bereits in der neuen Atmosphäre wohl fühlen und für diesen großen Schritt bereit sind, verkennt die Wichtigkeit eines selbstsicheren Loslassens und Löslösens in dieser ersten sensiblen Phase. Der richtige Zeitpunkt für eine Trennung ist nicht gegeben, wenn Modell oder Betreuungsperson dies vorsehen, sondern wenn Kind und Begleitperson erstes Vertrauen zu den Betreuungspersonen und der fremden, neuen Umgebung gefasst haben und feinfühligen, wertschätzenden Halt erfahren, bei dem alle ausgelösten Gefühle ernstgenommen und begleitet werden UND das Kind diesen Trost auch annimmt. Eine Ausdehnung der Zeiten sollte weiterhin die gleichen Anhaltspunkte haben – so viel wie möglich, so wenig wie nötig.


~Wie läuft es bei den NestRockern ab?~


Um den Prozess der Eingewöhnung von der Betreuungsseite zu unterstützen, bedienen wir uns bei den NestRockern der eben genannten Haltung und treffen weitere Grundvoraussetzungen, um der gesamten Familie und auch uns und den anderen Kindern der Gruppe, diesen Prozess möglichst einfach und möglichst schmerzfrei zu gestalten. Deshalb möchte ich diesen Beitrag nutzen, um den Punkt „Eingewöhnung“ unserer pädagogischen Konzeption vorzustellen.

„Die NestRocker Hamburg orientieren sich bei der Eingewöhnung von neuen Kindern mit ihren Familien an keinem gängigen Modell, sondern nehmen die individuelle Familie als Maßstab für jeden Schritt in Richtung Ziel – das gänzlich, geborgene „Angekommensein“ in der Gruppe. Um dieses Ziel möglichst schmerzfrei und für alle liebevoll und angenehm zu gestalten, bedienen wir uns verschiedener Vorbereitungen und Werkzeuge.


Grundsätzlich finden vor Beginn der regulären Eingewöhnung ein unverbindliches Kennenlernen mit ersten Informationen zu Konzept und Abläufen und nach der verbindlichen Vertragseinigung ein individuelles Eingewöhnungsgespräch, insbesondere mit Blick auf das Kind, das Wesen, die Gewohnheiten, Interessen und Besonderheiten, statt. Außerdem können Besuchstage in der Einrichtung und in der häuslichen Umgebung des Kindes vereinbart werden. Diese Vorbereitungsphase soll den Familien den eigentlichen Einstieg in den Alltag der NestRocker Hamburg erleichtern und der Betreuungsperson einen intensiven Blick auf das Kind vermitteln, um bestmöglich auf dessen Bedürfnisse und Gefühle während der Eingewöhnungsphase eingehen zu können.


Für die eigentliche Eingewöhnung sind von der Stadt Hamburg vier Wochen vor der benötigten, vollumfänglichen Betreuung vorgesehen. Dennoch sind die Eltern informiert, dass eine Eingewöhnung gegebenenfalls weniger, aber auch mehr Zeit in Anspruch nehmen kann.

Am ersten Tag der intensiven Eingewöhnungsphase wird ritualisiert der Garderobenplatz eingerichtet und das Kind nochmals der Gruppe im Morgenkreis als festes, neues „Familienmitglied“ vorgestellt. Zu Beginn ist in den ersten Tagen vorrangig von Bedeutung, dass das Kind die neue Umgebung, die Gruppe und die Abläufe, sowie die Betreuungsperson im stetigen Beisein der begleitenden Bezugsperson als sicheren, zurückhaltenden Hafen kennenlernt. Sobald eine erste Vertrautheit und Bindung zu der Betreuungsperson entstanden ist, entscheidet möglichst das Kind (oder die Bezugs- und Betreuungsperson nach hinreichender Beurteilung) über den Zeitpunkt der ersten Trennung und wie lange es sich lösen kann. Der Prozess des Loslassens und Loslösens wird als solcher von allen Parteien ernstgenommen und liebevoll wie verständnisvoll, insbesondere bei Trennungsschmerz und Trauer, begleitet. Die Gefühle des Kindes werden dabei beachtet und angenommen. Mit Achtsamkeit und Kenntnissen aus der hinreichenden Vorbereitung wird auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes situativ eingegangen. Dabei finden Zuwendung, körperliche Nähe und gewaltfreie Kommunikation ihren Platz wie auch das Tragen im Tragetuch oder einer Tragehilfe.


Jeder weitere Schritt in der Eingewöhnung erfolgt ebenso situativ mit täglichen Blick auf das Kind/die Familie und dessen Bedürfnisse, Verfassung, Gefühlslage und Energie. Reflektierend wird so beurteilt welche weiteren Schritte in welcher Steigerung möglich sind bis das Kind bzw. die Familie fest bei den NestRockern Hamburg integriert und angekommen ist.

„In Wirklichkeit ist also nicht Abnabelung, sondern Bindung Autonomiefaktor Nummer eins.“ (André Stern im Buch „Spielen um zu fühlen, zu lernen und zu leben, 2016, S. 124)“



~Ist das alles?~


Nicht unbedingt. Als Elternteil kannst du die Eingewöhnung auch schon Zuhause vorm Start vorbereiten. Sprich mit deinem Kind über die eintretenden Veränderung, nehme Medien wie Bücher oder Sendungen zu Hand, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und versuch vor allem diesen sensiblen Umbruch weniger als „Muss“, sondern vielmehr als einen gewollten Schritt zu sehen, der euch als Familie bereichern kann – dein positiver Blick, kann es deinem Kind wesentlich erleichtern. Wenn du diesen positiven Blick selbst nicht hast, sollte vielleicht nochmal überlegt werden, ob ihr bereit für den Schritt seid oder ggf. andere Wege vorerst in Betracht kommen könnten (Babysitter, Oma/Opa usw., an anderen Ecken sparen, um noch eine Weile Zuhause zu bleiben etc.).


Außerdem mag ich euch FamilySteps - Dein Eltern Kind Kurs von 1 bis 3 mit an die Hand geben – neben weiteren Entwicklungsthemen wie die Autonomiephase, alles zum Thema Schlaf, zu Grenzen und Konsequenzen und vielen weiteren Themen, die Kinder von 1-3 Jahren betreffen sowie tollen, ganzheitlichen Angeboten wie Kinderyoga, Bewegungslandschaften und zur Sinneswahrnehmung, findet auch das Thema Kitastart seinen Platz, wozu ihr weiteres Hintergrundwissen erfahren, gemeinsam in der Gruppe eure persönlichen Vorstellungen von der Betreuung erarbeitet und euch untereinander austauschen könnt. Und auch ein Kurs bei Einfach Eltern Babysteps kann Sinn machen, wenn euer Kind noch unter 1 Jahr alt ist. Das Wissen über die Entwicklungsphasen und bindungs- und beziehungsorientierte Möglichkeiten im Alltag mit Kind können euch und euren individuellen Weg als Familie bestärken und somit die Übergangsphase in eine Eingewöhnung erleichtern.


Einen guten Start!


<3 Nadine Poßienke-Taeger

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© 2020 by Nadine Poßienke-Taeger

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